„Lust und Leidenschaft für den Karneval sind Voraussetzung, um dieses umfassende Thema aufzuarbeiten und in fesselnder Form Zuhörern zu vermitteln“, erklärte AKV-Präsident Horst Wollgarten zur Eröffnung eines Vortragsabends der Sammlung Crous über die 900jährige Geschichte des Aachener Karnevals. Und mit ihrer prickelnd interessanten, redegewandt amüsanten und klug auf das Wesentliche beschränkten Darstellung bewies Sabine Mathieu nicht nur Lust und Leidenschaft, sondern vor allem umfassende Sachkenntnis und eigene Erfahrungen als aktive Karnevalistin. Nicht ohne Grund ist die Journalistin und langjährige Aachener Stadtführerin als erste Frau Trägerin des „Goldenen Wappens“, der höchsten Auszeichnung der Baesweiler Karnevalsgesellschaft Narrenzunft.
200 Besucher waren wieder der Einladung durch den Beirat der
Stadthistorischen Sammlung in das Forum der Sparkasse Aachen gefolgt. Und wem
es noch nicht bekannt war, dem tat es für das Öcher Hazz gut zu erfahren, dass
selbst die Mainzer Hochburg neidlos anerkennt, dass die eigentlichen Wurzeln
des rheinischen Karnevals in Aachen und nicht in Köln, Düsseldorf oder Mainz zu
finden sind. Denn urkundlich belegt ist ein „Narrenschiff ex Inda“, das bereits
1133 ein Bauer aus Kornelimünster auf Räder setzte und von Webern über Aachen,
Maastricht, Sint Truiden bis nach Löwen ziehen ließ. Bei jeder Station aber wurde
es von lärmenden und singenden Menschen umtanzt, ja selbst von verheirateten
Frauen unter „Hintansetzung aller weiblichen Scham“. Der Graf von Löwen setzte
dem Treiben schließlich ein Ende und zerstörte das Schiff, das an einen 5000
Jahre alten Brauch zur Verehrung der Fruchtbarkeitsgöttin Isis erinnerte.
Dieses heidnische Treiben empörte heftig den Abt von Sint Truiden, dem wir es
zu verdanken haben, dass dieses Aachener Narrenschiff in den Klosterakten
verankert wurde. Die Kirche aber wusste sich zu helfen. Aus dem Schiffswagen
„carrus navalis“ wurde „carne vale“ – der Abschied vom Fleisch in der
Fastenzeit.
Viele Stationen der närrischen Zeitreise durch die
Jahrhunderte wurden kulturgeschichtlich hinterfragt. So, die närrische Zahl
Elf, als Symbol der Maßlosigkeit, weil sie die zehn Gebote um eins überschritt,
aber auch der 11. November, als Datum der Lohnzahlungen an Knechte und Mägde in
früherer Zeit, denen dadurch Geld zum Feiern zur Verfügung stand. Beides führte dazu, dass nicht nur der kirchliche
Martinszug auf den Elften im Elften datiert wurde, sondern auch der Beginn der
fünften Jahreszeit. Im Vortrag begegnete Stadtgeschichte karnevalistischem
Treiben beim ersten Maskenball 1748 anlässlich des Friedenskongresses in
Aachen, 1753 zog erstmals ein Rosenmontagszug durch Aachen, als „auf rosse
Montag vor Aschtag alle Schörers-Knecht von ihre Winkels abgestiegen und nicht
arbeiten wollten“, wie der Stadtschreiber Janssen berichtete.
„Im 19. Jahrhundert beginnt der organisierte Karneval und damit hörte dann auch der Spaß in Aachen auf", scherzte Sabine Mathieu. Clemens Hecker gründete 1829 die Florresei und 1830 zog ein erster Maskenzug mit einem Held Karneval durch Aachen. 1859 spaltete sich die Florresei und mit Felix Ackens als erstem Präsidenten entstand der Neue Aachener Carnevals-Verein. 1881 schließlich begann mit Arthur I. Boyd Reumont die 128jährige Geschichte der Aachener Prinzen Karneval. Und all' die gewichtigen Oberjecke der vergangenen Zeiten zeichneten sich mit ihren todernsten Minen wahrlich als „Ausbund der Narretei" aus, wie es die Vortragende per Bildprojektion beweisen konnte. Und dennoch, ihre karnevalistischen Nachfahren hielten sich an ihre Losung: „Durch Frohsinn zur Wohltätigkeit" und erfanden mit Jacques Königstein den Nobelpreis für Humor: den Orden WIDER DEN TIERISCHEN ERNST, der 1950 zum ersten Mal verliehen wurde.
Dass aber die gute, alte Bütt unserer zeitkritischen Redner ebenfalls mit einer 2500jährigen Geschichte aufwarten kann, war für das Auditorium eine absolute Überraschung. Denn nicht die Waschbütt, in der allgemein „schmutzige Wäsche gewaschen" wurde, war der Vorläufer, sondern vielmehr das legendäre Fass, in dem der griechische Philosoph Diogenes gelebt haben soll, der aus diesem heraus seine asketische und zynische Weltbetrachtung verkündete.
Jutta Katsaitis-Schmitz
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