Gebannt hingen die Blicke der Zuhörer, die es sich in einem Werbebus für die Stadthistorische Sammlung Crous bequem gemacht hatten, an seinen Lippen. Eingeladen zur Rundfahrt hatte der Beirat der Sammlung, dessen Vorsitzender Bernd Carl es bei der Begrüßung verstand, Wissbegierde um Aachens Stadtgeschichte zu wecken.
Lassen wir Zahlen sprechen. Die erste Stadtmauer, die der Krönungsstadt Aachen die Rechte als Reichsstadt sicherte, war 2.4 Kilometer lang, drei Meter hoch, 1.80 Meter breit, besaß vier Haupt- und sechs Nebentore sowie zehn Wehrtürme. Sie war mit einem Graben von fünf Metern Tiefe und 2.5 Metern Breite umgeben. Im Volksmund heißt sie bis heute „Barbarossamauer“, da Friedrich Barbarossa im Jahr 1171 die Aachener in die Pflicht genommen hatte, binnen vier Jahren zum Schutz gegen Belagerungen eine Stadtmauer zu errichten. Ein Interesse der Bürger bestand daran, da sie damit gleichzeitig das Markt-, das Münz- und das Zollrecht erhielten. Auch eine soziale Komponente sei erwähnt: In den vorspringenden Bögen der Mauer fanden die Tagelöhner eine vorübergehende Bleibe. Sie warteten auf Gelegenheitsjobs vor allem vor dem Kölntor am heutigen Hansemannplatz und wurden daher im Volksmund „Köllepööetzer“ genannt.
Mit der ständig zunehmenden Ausdehnung der Stadt wurde der Bau einer zweiten, doppelt so langen Mauer erforderlich. Die Kosten waren erheblich und wurden durch Steuern, Pacht- und Strafgelder, aber auch aus Spenden aufgebracht. Aufgrund schlechter Erfahrungen mit Wilhelm von Holland hatten die Aachener jedoch ein eigenes Interesse am Bau der Mauer. Als sie sich nämlich 1248 geweigert hatten, Wilhelm zum König zu krönen, ließ er ein Drittel der Stadt außerhalb des ersten Ringes durch die gestauten Wasser von Pau und Paunelle überfluten. Als dann Richard von Cornwell 1257 in Aachen gekrönt wurde, dankte er den Bürgern durch Schenkungen und begann im gleichen Jahr noch der Bau der zweiten Stadtmauer, die zu den imposantesten Wehranlagen Westeuropas zählte. Sie wurde annähernd einhundert Jahre lang errichtet, besaß eine Länge von 5.4 Kilometern, hatte elf Stadttore und 22 Türme. Haupttore waren darunter: Marschiertor, Ponttor, Kölntör (am heutigen Hansemannplatz), Jakobstor und Königstor. Der die zweite Stadtmauer umgebende Graben war bis zu 25 Meter breit. Zu den bis heute erhaltenen Bauten gehören: Marschiertor, Ponttor, Pfaffenturm, Pulverturm (Langer Turm), Marienturm (das heutige Ehrenmal), Lavenstein und ein Turm an St. Adalbert.
Zeitgleich mit der Fertigstellung der zweiten Stadtmauer begannen in Aachen die Heiligtumsfahrten, die seit 1349 in siebenjährigem Rhythmus stattfinden. Der Pilgerstrom war im Mittelalter so groß, dass die Stadttore zeitweilig wegen Überfüllung geschlossen werden mussten. 1496 zählte man zum Beispiel an einem Tag allein 142 000 Pilger. Es war jene Zeit, in der Aachen neben Jerusalem, Rom und La Compostella unter den Pilgerstätten zur Championsleague gehörte. Sei noch erwähnt, dass die Aachener den „Öcher Bend“ den Heiligtumsfahrten verdanken, denn während der Pilgerzeiten fand auf dem Münsterplatz stets ein Jahrmarkt statt. Als diese „Kirchmessen“ (später Kirmes) jedoch zu ausschweifend wurden, verbannte man sie auf die Wiese hinter dem Ponttor außerhalb der Stadtmauer. Eine umzäunte Wiese aber heißt auf Öcher Platt „Bend“.
Jutta Katsaitis-Schmitz