Die Fahrt hatte vielmehr einen durchaus seriösen, geschichtsträchtigen Hintergrund. Eingeladen hatte dazu der Beirat der Sammlung Crous, um Ehrenamtlern, Sponsoren und Freunden der stadthistorischen Sammlung für ihr bisheriges Engagement Dank zu sagen.
Bereits seit September rollt nun ein Jahr lang ein moderner Gelenkbus der ASEAG mit Werbeflächen Aachener Firmen zugunsten der Sammlung Crous durch Aachen, um auf diese Schatzgrube der städtischen und regionalen Aachener Historie aufmerksam zu machen und sowohl neue Nutzer für die Präsenzbibliothek, als auch weitere Förderer zu ihrer Erhaltung und Erweiterung zu finden.
Eben dieser Bus wurde vor dem Start zur „Historischen Schmuggeltour“ von ASEAG-Vorstand Hans-Peter Appel und dem Geschäftsführer der Sammlung Crous, Dr. Walter Maassen, offiziell vorgestellt wurde. „In Zeiten knapper kommunaler Kassen und spärlich fließender öffentlicher Mittel sind Fantasie und Eingeninitiative gefragt“, betonte Maassen. Die habe der rührige Beiratsvorsitzende, Bernd Carl, mit seiner Idee bewiesen, einen Werbebus für die Crous-Sammlung einzusetzen.
Dann hieß es für die Fahrgäste: „Ampel grün!“, um mit Dr. Herbert Ruland, Leiter des Fachbereichs Regionalgeschichte und Politik an der Volkshochschule Eupen im deutsch-belgischen Grenzgebiet der Eifel (um 1900 noch „preußisch Sibiren“ genannt) auf Spurensuche zu gehen. Über die Himmelsleiter und die Bundesstraße ging es zunächst nach Mützenich, zum Kloster Reichenstein und nach Kalterherberg. Konzen, Fringshaus und Lichtenbusch waren auf der Rundfahrt weitere Stationen. Und jeder Ort hatte seine eigene Schmuggelgeschichte, gespickt mit tragischen, aber auch heiteren Ameröllcher. Enklaven und Exklaven, die Vennbahntrasse als Zollgrenzbezirk und Grenzänderungen nach den Kriegen ließen diese Gegend zum idealen Schmugglerparadies werden. Denn geschmuggelt wurde nicht nur nach dem zweiten Weltkrieg. Schmuggeln hat an dieser Grenze Tradition seit 1848. AKV-Präsident Dieter Bischoff brachte es scherzhaft entschuldigend auf einen kurzen Nenner: „Die Öcher haben damals den europäischen Binnenmarkt mit freiem Handel bereits vorausgeahnt und die Waren von hier nach dort gebracht“.
Geschmuggelt wurde vorwiegend mit Kaffee, Zigaretten, aber auch mit Menschen. Die meisten der Schmuggler trieb die Armut, um nach den Kriegen einen Neubeginn zu starten. Sie waren die „Infanterie“, die Großschmuggler hingegen hatten andere Methoden. Sie präparierten Pkw, ja selbst Panzerspähwagen, um Hohlräume für das Schmuggelgut zu gewinnen. 550 dieser Art wurden von den Zöllnern zwischen 1946 und 1953 eingezogen. Ein Drittel kauften die Schmuggler wieder zurück. Es war so billiger, als eine Neupräparierung. Die „großen Haie“ beim Schmuggeln genossen es, sich ihre Zigaretten mit 50 Markscheinen anzünden zu können!
„Stahlbesen“ mussten an die Verfolgungswagen der Zöllner montiert werden, um die von den Schmugglerfahrzeugen verstreuten „Krähenfüße“ zu beseitigen. In Mützenich verlor 1952 die Fußballmannschaft ihr entscheidendes Aufstiegsspiel, weil die Elf bis auf wenige Spieler geschnappt worden war und in Köln in der „Mützenicher Botschaft“ im Knast saß. In Lichtenbusch – dem sündigen Dorf an der Grenze – gab es am 24. Februar 1964 den letzten „Kaffee-Toten“. Zöllner schossen ihn vom Motorrad. Er hatte 200 Gramm Kaffee und 20 Eier schmuggeln wollen! Hinter den Zacken des Westwalls versteckten sich die sogenannten „Rabatzerbanden“. Es waren Kinder die Kaffeesäcke schmuggelten. Die Zöllner hetzten ihnen Hunde nach, denen die kleinen Schmuggler in Notwehr Pfeffer in die Augen streuten. „Wer dreimal geschnappt wurde, kam in die Fürsorge“, berichtete Dr. Ruland. In Kalterherberg wurden jüdische Flüchtlinge professionell von „Judentreibern“ über die Grenze nach Belgien gebracht. Bis zu 1000 Mark mussten dafür gezahlt werden. Särge dienten als Versteck für Schmuggelware und an den Moresneter Prozessionen nahmen keinesfalls nur gläubige Menschen teil.
Erst als 1953 in Deutschland die Kaffeesteuer gesenkt wurde, verlor der Schmuggel seine Attraktivität. Bis dahin waren 31 Schmuggler von Zöllnern erschossen worden, zwei Zöllner verloren ihr Leben, ein dritter wird bis heute vermisst.
Am Mittwoch, 16. November, 20 Uhr, findet mit Dr. Herbert Ruland in der Sammlung Crous, Kurhausstraße 2c, ein Vortrags- und Filmabend zum Thema: „Schmuggel im Aachener Grenzland“ statt.