Der Beirat der Sammlung Crous – einer gemeinnützigen GmbH innerhalb des AKV - veranstaltete in Zusammenarbeit mit der Aachener Bank einen Film- und Vortragsabend zugunsten dieser Stadthistorischen Sammlung. „Wir wollen mit der Sammlung Crous noch stärker in die Öffentlichkeit gehen und sie möglichst vielen Nutzern zugänglich machen“, erklärte Dieter Bischoff, Präsident des AKV dazu.
Das Thema des Abends lautete: „Schmuggel im Aachener Grenzland“ und fand, wie zu erwarten - ein derart starkes Interesse, dass für das kommende Frühjahr eine Wiederholungsveranstaltung angesetzt wird. 160 Besucher, darunter vor allem die Generation, die selbst in der Nachkriegszeit den Schmuggel im Dreiländereck miterlebt hat, verfolgten die sehr lebendigen und unterhaltsamen Ausführungen von Dr. Herbert Ruland, Leiter des Fachbereichs Regionalgeschichte an der Volkshochschule Eupen. Schmuggel über Landesgrenzen hinweg bezeichnete er als das „älteste Gewerbe der Welt“ und dokumentierte diese Behauptung nicht nur mit dem Schmuggel im Aachener Grenzland, sondern trat seinen Beweis bereits in Zeiten der Raubritter und Wegelagerer am Rhein an. Stets war es vor allem die ärmere Bevölkerung, die sich im Grenzgebiet mit billigen Nahrungsmitteln aus dem angrenzenden Belgien oder den Niederlanden versorgte. Auf Salz, Streichhölzer und Petroleum ausgerichtete „Schmuggelbuden“ entlang der Grenze im 19. Jahrhundert, die Rolle Eupens als „Schmuggeleldorado“ im Ersten Weltkrieg, das Schmuggeln von Menschen, die auf der Flucht vor dem NS-Regime waren und letztlich die Schmuggelepoche - vor allem mit Kaffee und Zigaretten - nach dem Zweiten Weltkrieg, die in Deutschland erst 1953 durch die Senkung der Kaffeesteuer abklang, waren Zeitabschnitte voller Dramatik, aber auch voller heiterer Ameröllcher. „Die Zeit des Schmuggels ist ein wichtiger Teil unserer Geschichte“, fasste Dr. Ruland seine Ausführungen zusammen, die mit anhaltendem Taktklatschen bedacht wurden.
Ergänzend zum Vortrag wurden Auszüge aus dem deutschen Spielfilm von 1951 „Sündige Grenze“ und der belgische Streifen „Le Banquet des Treudeurs“ („Schmugglergelage“) aus dem gleichen Jahr gezeigt, in dem Eupener Karnevalisten als Komparsen mitspielten. Zeigte der deutsche Film, in welch’ oft lebensgefährliche Situationen die Kinder gerieten, die in sogenannten „Rabatzerbanden“ säckeweis Kaffee schmuggelten und, um sich zu verstecken, durch den Westwall und den Gemmenicher Tunnel hetzten. Oft wurden sie von Schäferhunden der Zöllner verfolgt und gestellt, und kamen bei der dritten Festnahme in die Fürsorge. Im belgischen Film, den Dr. Ruland als ein „Meisterwerk“ bezeichnete, ging es nicht nur um das Leid, das viele Familien traf, wenn ein Schmuggler von den Zöllnern sogar erschossen wurde. Und das war nicht selten. Bis 1953 waren es 31 deutsche Schmuggler, die so starben. Den letzten „Kaffee-Toten“ gab es noch am 24. Februar 1964 in Lichtenbusch. Er wollte 750 Gramm Kaffee und 20 Eier schmuggeln. Zöllner schossen ihn vom Motorrad. Der Film zeigte auch, wie die Schmuggler durch Streuen von „Krähenfüßen“ aus dem Auto heraus ihre Motorradverfolger des Zolls zu Sturz brachten und abschüttelten. Doch der Film „Schmugglergelage“ hat bereits viele versöhnliche Momente mit Blick auf Europa. Der AKV-Präsident sagte dazu: „Die Öcher war schon immer aus tiefster Seele Europäer und haben den freien Warenaustausch auf dem europäischen Binnenmarkt bereits vorausgesehen und in die Tat umgesetzt.“
Spontan und unerwartet meldeten sich anschließend Zeitzeugen zu Wort. So auch Josef Vandeberg, der 1946 „Dorfpolizist in Walheim“ war. „Es war so“, bestätigte er die Filme und erzählte, wie eines Nachts ein Schmuggler auf der Flucht vor den Zöllnern plötzlich seine Küchentür aufstieß und sich nun einem Polizisten mit Uniform und Tschako gegenüber sah. Seinen Sack Kaffee war er damit los und Vandeberg musste ihm sogar noch zwei Mark „leihen“, damit er mit der Tram nach Haus nach Eschweiler fahren konnte. Friedrich Pitz wiederum erinnerte sich an die 14 Strophen der „Schmithofer Schmugglerballade“, die dort die jungen Burschen stets voller Begeisterung an der Theke sangen: „Wenn vür so an d’r Grenze denken än seh’n de Säcke vör os stöhn...“, zitierte er. Franz Erb wohnte damals in unmittelbarer Nähe von „Alt-Linzenz-Häuschen“. Im Haus war ein belgischer Offizier einquartiert. Die Familie Pitz profitierte durch die verschütteten Kaffeebohnen, die beim Anliefern der von den Zöllnern beschlagnahmten Kaffeesäcke auf den Boden fielen. Ein ehemaliger Bewohner der Lütticherstraße in Bildchen erinnerte sich an die „Zollbülle“, die sich am Preusweg hinter einer Litfaßsäule versteckten, um beim Anhalten der Tram die aussteigenden Schmuggler zu schnappen.
Filmautor Horst Krause vom Film- und Videoclub Aachen widmete seinen neuesten Streifen: „Als die Grenze über den Kaffee kam“ seinem Vater, einem ehemaligen Zollbeamten. Der Filmemacher, selbst früher Zolldeklarant, verwendet darin eigene Amateuraufnahmen seit 1959. Der Film wird am 20. November beim Clubwettbewerb im Kino Alsdorf erstmals aufgeführt. Dr. Herbert Ruland veranstaltet in Zusammenarbeit mit den örtlichen Tourismusverbänden im März 2006 in Eupen und Monschau „Schmuggelwochen“ mit Zeitzeugen, Filmen und Wanderungen.