Wie man ein Weltfest des Pferdesports erfindet
Der außerordentlich charmant gehaltene Vortrag: „Wie man ein Weltfest des Pferdesports erfindet“, den die Sammlung Crous im Audi-Zentrum Felischauer am Europaplatz veranstalten konnte, beinhaltete die Entwicklung des Aachener Spring-, Reit- und Fahrturniers in den Jahren von 1924 bis 1939. Referentin Dr. Annette Fusenig (über die Präsident Dieter Bischof sagt, sie sei "die quirligste Stadtführerin, die er jemals kennen gelernt habe") präsentierte diese Entwicklung als „kleinen Blumenstrauß“ und betrachtete die Dinge aus einer sonst ungewohnten Perspektive, stützte sich dabei auf die Forschungsergebnisse ihrer Doktorarbeit zum gleichen Thema.
Ausgangspunkt war dabei der Ahnherr und Gründervater des Turniers, Hubert Wienen, von 1925 bis zu seinem Tod 1943 Präsident des Aachen-Laurensberger Rennvereins (A.L.R.V.), der auch als „Löwe von Aachen“ in die Geschichte einging. „Genial hat er die Aachener Turniere durch alle Unbilden geschiffert“, so die Referentin. Er sei ein widersprüchlicher Mensch gewesen: ein kühl kalkulierender Stratege mit aufbrausendem Charakter. Er sei aber auch ein „charmanter Diplomat und despotischer Sonnenkönig“ , weltoffener Lokalpatriot, aber auch „bornierter Nationalsozialist“ gewesen.
Das erste Reit- und Fahrturnier – verbunden mit einem Pferderennen – hatte am 13. Juli 1924 in der Soers stattgefunden und trug bereits damals Volksfestcharakter. 1927 erhielt das Turnier seinen „Ritterschlag“, als die renommierte Hofreitschule in Aachen zu einem Zuschauer-Highlight wurde. Nachdem 1928 die deutschen Reiter bei der Olympiade in Amsterdam zur Weltelite aufgerückt waren, durften ab 1929 auch deutsche Offiziere an den Turnieren (nun CHIO genannt) in Aachen teilnehmen, das zu dieser Zeit von Belgien besetzt war. Die Aachener Reit- und Springturniere waren immer auch politisch zu sehen, schlussfolgerte Dr. Fusenig. Sie bedeuteten zugleich für die Stadt von Beginn an einen Wirtschaftsfaktor.
Unter den Amazonen sei Irmgard von Opel (Enkelin des Firmengründers) Deutschlands erfolgreichste Schimmelreiterin gewesen. Später Globetrotterin, erfand sie vom Ausland aus die „CHIO-Chips“. Bereits 1924 gab es bei den Turnieren die berühmten Bowlen-Abende, die, wie das Winken zum Adieda, zu einem Markenzeichen wurden. Berühmtester Bowlenredner war Jacques Königstein.
Mit einigen Zahlen belegte Dr. Fusenig die rasante Entwicklung des CHIO:
Besucher:Pferde:
1924 = 200
1939 = 500
Nationen:
1924 = 3
1939 = 18
Begleitet wurde der Vortrag durch einige Lichtbilder sowie einen historischen Kurzfilm des Aacheners Horst Krause (Film- und Videoclub Aachen), den er als junger Filmemacher 1962 beim 28. CHIO während des Springreitens um den Großen Preis der Nationen mit Hans Günther Winkler gedreht hatte.
Etwa 200 Gäste waren der Einladung zum Vortragsabend gefolgt. Darunter auch Liesel Lehrheuer, Tochter des Sammlers und Journalisten Helmut A. Crous. Sie alle waren jedoch nicht nur Zuhörer, sondern auch aktive Mitgestalter. Denn als anschließend AKV-Elferrat Hubert Crott das bekannteste Bowlenlied: „So ein Reit- und Fahrturnier ist beliebt bei Mensch und Tier“ anstimmte, sangen alle, dirigiert von Dr. Annette Fusenig, kraftvoll mit: „Jupheidi, jupheida“. Bereits zu Beginn des Abends hatte Hubert Crott in Öcher Platt mit dem Gedicht: „Vür Tornierjecke“ von Elisabeth Lauer auf das Thema des Abends eingestimmt.(tis)