Vom Verlies des Granusturms bis zu seinem Turmumgang
in luftiger Höhe
Zu zwei durchaus abenteuerlichen, vor allem aber
hochinteressanten Führungen durch das Aachener Rathaus hatte die Sammlung Crous
gGmbH aktive Mitstreiter und Gönner eingeladen. AKV-Ehrenpräsident Georg Helg
fesselte die Teilnehmer mit seinen detailgetreuen, schier unerschöpflichen
Kenntnissen über die wandelbare Baugeschichte des Aachener Rathauses und des
Granusturms, der nach dem Dom als das größte, erhaltene karolingische Bauwerk
gilt.
Mit Ameröllchen, kunsthistorischen und historischen
Geschichten und Wahrheiten führte Georg Helg die Freunde dieser
stadthistorischen Sammlung vier Stunden lang durch dieses geschichtsträchtige
Gebäude, unterzog sie Mutproben beim Erklimmen von Wendeltreppen und schmalen
Treppenaufgängen in karolingischem Gemäuer. Das Erlebte und Erfahrene, der
Blick auf Aachen und letztlich das imposante Bild des Krönungssaales beim
Betreten durch den Seiteneingang vom Marienturm aus, wurden zu einem
einzigartigen Erlebnis.
Bekannt ist, dass das Rathaus auf den Fundamenten der
karolingischen aula regia errichtet worden ist. Daneben befand sich an der
Ostseite noch der karolingische Turm, der später „Granusturm“ genannt wurde. In
der Königshalle fand 936 für Otto den Großen das erste Krönungsmahl statt, das
letzte 1273 für Rudolf von Habsburg. Zu diesem Zeitpunkt war der Palast bereits
derart baufällig, dass für die folgenden Krönungsmähler in die Propstei ausgewichen werden mußte.
Um 1330 übernahm die reichsfreie Stadt Aachen den verfallenen Palast mit der Verpflichtung, einen Neubau – sowohl für die städtische Verwaltung, wie auch einen imposanten Festsaal für die großen Feste des Reiches - zu schaffen. Seit 1349 tagte dann der Stadtrat in dem neuen Gebäude, der Bürgermeister residierte hier, und im Reichssaal wurden neben den Krönungsfestmählern repräsentative Feste ausgerichtet. Hier fand 1531 das letzte Krönungsmahl statt. 1435 bezeichnete der große Humanist Enea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II. dieses Rathaus als den „vornehmsten Palast in ganz Germanien“.
Parallel zum Bau des Rathauses war der Granusturm mit seinen
20 Metern Höhe um weitere 14 Meter und einen Turmhelm erhöht worden. Er wurde
nun u. a. als Feuer-Wachturm und zur
Aufbewahrung des Stadtsiegels und des „Hohen Archivs“ genutzt. Im Verlies aber
schmachteten die „Untersuchungshäftlinge“, die auf ihren Prozess warteten. In
einem versteckten, zugemauerten Gang des Granusturms wurden im Mittelalter
städtische Urkunden und Dokumente wiederentdeckt, von denen man angenommen
hatte, dass sie dem Stadtbrand vom 2. Mai 1656 zum Opfer gefallen waren. Gleich
im Eingangsbereich zum heutigen Standesamt befindet sich hinter Glas die
älteste, erhaltene Holztür Deutschlands, vermutlich aus dem Jahr 788.
Die beiden Turmhelme des ursprünglich in gotischem Stil
erbauten Rathauses gingen mehrmals bei Katastrophen in Flammen auf: beim
Stadtbrand 1656, dann 1883 durch Funkenflug bei einem Fabrikbrand in der
Antoniusstraße und durch die Luftangriffe Ende Juli 1943 und vom 11. April
1944. Das ursprünglich gotische Rathaus erfuhr im Wandel der Zeiten
durchgreifende Veränderungen seiner äußeren Gestaltung, von der Gotik über
Barock zur heutigen Neugotik.
„Vom Kaiserglanz zur Bürgerfreiheit“ heißt ein Buch, das Georg
Helg und OB Dr. Jürgen Linden geschrieben haben. Es informiert umfassend über
die Geschichte des Aachener Rathauses.
Jutta Katsaitis-Schmitz