„Europa beginnt hier. Karl der Große und Aachen"
Es spricht für sich, wenn der Beirat der Sammlung Crous vielen Interessenten für den aktuellen Vortragsabend zugunsten der stadthistorischen Sammlung: „Europa beginnt hier. Karl der Große und Aachen" wegen der großen Nachfrage absagen musste. 230 Zuhörer schätzten sich daher glücklich, im S-Forum der Sparkasse mit dabei gewesen zu sein. Vor allem lag es an der Persönlichkeit und bekannt fesselnden Rhetorik von Professor em. Dr. phil. Max Kerner. Es lag aber auch am Thema, das das Herz jedes Aachener Lokalpatrioten höher schlagen lässt, ist es doch eine Aussage, die stolz macht, aber auch Verpflichtung ist.
Dr. Walter Maassen, Geschäftsführer der gemeinnützigen Sammlung Crous GmbH, stimmte einleitend die Zuhörer auf das Thema ein und zitierte dabei aus Kerners Buch: „Karl der Große - Leben und Mythos". Darin schreibt der Autor, dass König Pippin im Jahr 765 in Aachen seine Domäne und Landpfalz als ein Etappenzentrum für die Auseinandersetzung mit den Sachsen gegründet hatte. 30 Jahre später machte Karl der Große sie zu seiner Winterpfalz. Ab 806 wurde sie zu seiner festen Residenz und damit zum Reichszentrum seines fränkischen Großreichs, das von Dänemark bis Spanien reichte. Neben dem byzantinischen Kaiserreich und der Kalifenherrschaft in Bagdad war die Machtstellung Karls des Großen damit gleichrangig. Dabei sei Karl der Große in der Geschichte sehr unterschiedlich bewertet worden. So u.a. als „idealer Herrscher des Mittelalters, heiliger Bekenner des christlichen Glaubens, machtbesessener Despot, erfolgreicher Bandenchef, germanischer Recke und - ein großer Europäer".
„Dem ist nichts hinzuzufügen", ergriff Professor Kerner sodann das Wort, ging auf die kulturellen Leistungen Karls ein, der mit seinen beiden Beratern Einhard und Alkuin eine Reform von Schrift und Sprache veranlasste und prachtvolle Evangelarien und Überlieferungen antiker Autoren handschriftlich anfertigen ließ. Was Karl den Großen als Ausnahmepersönlichkeit ausgemacht habe, sei gewesen, dass er sich mit kompetenten Menschen umgab, Ordnungskriterien schuf und die Welt durch Wissen verändern wollte.
Im Jahr 794 führte er mit einer Münzreform den karolingischen Denar ein. Er wurde zur Hauptmünze des karolingischen Reiches, war bis ins 17. Jahrhundert noch als Kleinsilbermünze in Umlauf und ist als Vorläufer des Euro anzusehen. Mit einer kleinen Episode zum Denar löste Professor Kerner große Heiterkeit bei den Zuhörern aus. „Als 2002 der Euro eingeführt wurde, trat die BBC an uns heran, im britischen Fernsehen über Aachen und den karolinigischen Denar zu berichten. Das hörte sich gut an, aber es wurde nicht gesendet", machte Kerner neugierig. Es habe gerade ein brennenderes Thema für den Sender gegeben: die Monica Lewinsky Affäre!
Die Frage, wie Aachen heute die eigene Zukunft in Europa mitbestimmen könne, beantwortete Professor Kerner so: „Die nationale Identität - mit Karl dem Großen, Martin Luther, Thomas Mann, Johann Wolfgang von Goethe - als ein ‚portables Vaeterland' in die Globalisierung mit hineintragen."
Jutta Katsaitis-Schmitz